Rind-13 - Omphalourachitis

 

 

Krankheitsbericht

 

1.) Anamnese

Das zu untersuchende Kalb hat eine Umfangsvermehrung am Nabel und setzt wäßrigen Kot ab.

 

2.) Signalement

Bei dem zu untersuchenden Tier handelt es sich um ein schwarzbuntes Bullenkalb.

Die Schneidezähne sind bereits in einer bogenförmigen Reihe angeordnet, es sind weiche, noch behaarte Hornanlagen zu fühlen. Das Alter wird auf knapp 3 Wochen geschätzt.

Das geschätzte Gewicht beträgt knapp 40 kg.

Das Kalb ist an beiden Ohren mit je zwei gelben Ohrmarken mit der Nummer x bzw. DE x gekennzeichnet.

Die Beine sind weiß, der Rumpf gescheckt, Hals und Kopf weiß mit einer Blässe.

 

3.) status praesens

Das Tier wurde am 16.01.2001 ab 1030 im Rahmen der klinischen Demonstration untersucht.

 

a) Allgemeine Untersuchung

Das Kalb steht aufrecht und belastet alle vier Gliedmaßen gleichmäßig. Es ist aufmerksam und interessiert.

Der Ernährungszustand ist schlecht, die Querfortsätze der Lendenwirbel sind scharfkantig fühlbar.

Die Hinterbeine, der Schwanz und die Wand im Stall sind mit Kot beschmiert. Das Kalb hat einen schlechten Pflegezustand.

Insgesamt ist es für sein Alter in einem schlechten Entwicklungszustand.

Die Körperinnentemperatur beträgt zum Zeitpunkt der Untersuchung 39,1°C, die Körperoberflächentemperatur ist am Rumpf gleichmäßig und zu den Akren kühler.

Die Pulsfrequenz ist 120 Schläge / min, die Atemfrequenz 32 Züge pro Minute.

 

b) Untersuchung der einzelnen Organsysteme

 

) Haarkleid, Haut und Schleimhäute

Das Haarkleid ist dicht und größtenteils anliegend. Die Haare sind recht lang und wirken stumpf. Der Hautturgor ist vermindert, eine aufgezogene Hautfalte bleibt längere Zeit stehen.

Die Haut im Bereich des Nabels ist feucht, jedoch nicht eitrig. Ein gut fingerdicker Strang zieht nach kaudodorsal in die Tiefe. Bei Palpation zeigt sich das Kalb unwillig, spreizt den Schwanz ab und setzt einige Tropfen Harn ab.

Auf dem Flotzmaul ist die Haut gerötet. Zirka ein Zentimeter lange und drei Millimeter breite erosive Veränderungen neben den Nasenlöchern sind bereits am Verschorfen.

Die Schleimhäute der Maulhöhle und Nasenlöcher sind blaß-rosa, feucht, glatt, glänzend und ohne Auflagerung.

Die Konjunktiven sind rosa–rot, feucht, glatt und glänzend.

 

) Lymphknoten

Die Kehlgangslymphknoten sind je knapp erbsengroß, Bug– und Kniefaltenlymphknoten zigarrenförmig und ca. 5 cm lang.

Alle tastbaren Lymphknoten sind derb–elastisch mit glatter Oberfläche, verschieblich und nicht schmerzhaft.

 

) Zirkulationsapparat

Die Auskultation des Herzens ergibt eine Frequenz von 120 Schlägen in der Minute, die Herztöne sind deutlich hörbar, regelmäßig und voneinander abgesetzt. Nebengeräusche sind nicht auskultierbar.

Der Puls ist regelmäßig und deutlich fühlbar, es besteht kein Pulsdefizit.

Die kapilläre Füllungszeit ist verlängert, die Episkleralgefäße sind mäßig gefüllt, und fein gezeichnet.

Die Venenstauprobe ist negativ.

 

) Atmungsapparat

Die Atemfrequenz beträgt 32 Atemzüge in der Minute. Die Atmung ist costo-abdominal, gleich- und regelmäßig. Atemgeräusche sind auskultatorisch nicht hörbar.

 

) Verdauungsapparat

Futter– oder Wasseraufnahme erfolgt nicht während der Untersuchung.

Der Afterbereich, Hinterbeine und Schwanz sind mit hellbraun bis gelblichem Kot verunreinigt. Nach rektaler Provokation mit einem Finger wird hell olivbrauner, wäßriger Kot im Strahl abgesetzt. Bei dieser Gelegenheit wird eine Kotprobe gewonnen.

Die Bauchdecke ist weich.

 

) Harnapparat

Nach Palpation der Umfangsvermehrung am Nabel werden einige Tropfen dünnflüssig-wäßrigen, bernsteinfarbenen, klaren Harn abgesetzt.

 

) Bewegungsapparat

Das Tier belastet im Stand alle vier Gliedmaßen gleichmäßig und läuft ohne Lahmheiten. Die Rückenlinie ist gerade.

 

) Nervensystem

Das Kalb ist an der Umgebung interessiert und zeigt sich manchmal widersetzlich.

Die Augen sind eingesunken.

Es liegen keine Hinweise auf eine Störung von zentralem oder peripherem Nervensystem oder der Sinnesorgane vor.

 

4.) Laborbefunde

Die Kotprobe wird mit einem Stick mit monoklonalen Antikörpern auf Rotavirenantigen untersucht. Der Test verläuft negativ, verlief aber drei Tage vor der Untersuchung positiv.

 

5.) Zusammenfassung der krankhaften Befunde

Das Tier befindet sich in einem schlechten Allgemeinzustand.

Die Haut am Nabel ist feucht, unter der Haut zieht ein derber Strang in die Tiefe, bei dessen Palpation Harn abgesetzt wird.

Das Kalb hat Durchfall, die verlängerte kapilläre Füllungszeit, der verminderte Hautturgor sowie die eingesunkenen Augen deuten auf eine Exsikkose hin. Im Kot konnten Rotaviren nachgewiesen werden.

 

6.) Differentialdiagnosen

 

a) Umfangsvermehrung am Nabel

 

) Nabelbruch

Im Bereich des Nabels tritt eine hühnereigroße oder größere, weiche und nicht schmerzhafte oder, bei Inkarzerationen, pralle und schmerzhafte Vorwölbung auf. In ersterem Fall läßt sich der Inhalt reponieren und es treten keine Allgemeinstörungen auf, in letzterem ist der Inhalt nicht reponierbar und es treten Koliksymptome bis Sepsis und Tod auf.

Die Krankheit ist angeboren und wird wahrscheinlich rezessiv vererbt.

 

) Omphalitis, Nabelentzündung

Bei einer Entzündung der Unterhaut der Nabelregion mit Abszeßbildung ist die Nabelregion verdickt, fluktuierend und schmerzhaft. Es kann sich Eiter entleeren.

Entzündungen in der Nabelregion treten sporadisch durch Infektion mit verschiedenen Bakterien, v. a. Streptokokken und Staphylokokken auf.

 

) Omphalophlebitis, Entzündung der Nabelvenen

Der Nabel erscheint verdickt und schmerzhaft, ein derber Strang zieht nach craniodorsal. Bei Bildung eines Abszeßes kann die Umfangsvermehrung auch diffus verhärtet oder fluktuierend sein, und Eiter kann sich spontan oder unter Druck entleeren.

 

) Omphaloarteriitis, Entzündungen der Nabelarterien

Die Symptome ähneln denen einer Omphalophlebitis, der verhärtete Strang zieht jedoch nach kaudodorsal. Auch hier können sich Abszeße bilden.

 

) Omphalourachitis

Die Symptome sind die selben wie bei einer Omphaloarteriitis. Bei Palpation des entzündeten Urachus wird über die Verbindung zu Blase ein Reiz zum Harnabsatz gesetzt, zumindest wird in Andeutung dessen der Schwanz gehoben.

 


b) Durchfall

 

) fermentative Enteritis, Überfütterungsdiarrhöe

Gerinnt aufgenommene Nahrung im Magen nicht und wird deshalb unvollständig oder überhaupt nicht, ebenfalls nicht im Darm, aus Mangel an geeigneten Enzymen abgebaut, kommt es zur bakteriellen Gärung oder Fäulnis.

Symptome sind neben dem Durchfall Tympanie mit gespannter Bauchdecke, Inappetenz, Störung des Allgemeinbefindens und hellgelber, stinkender, manchmal schaumiger Kot.

 

) unspezifischer Kälberdurchfall

Unspezifischer Kälberdurchfall läßt sich, wie der Name schon sagt, keinem einzelnen Erreger zuordnen, auch wenn sich im Verlauf bestimmte Keime wie E. coli oder Proteus vermehren, sondern hat seine Ursache in unzureichender Haltung wie Streß z. Bsp. durch Transporte, Futterumstellung, längeres Dürsten, gegenseitiges Belecken, mangelhafte Fütterungs– und Tränkehygiene, –zubereitung oder –qualität.

Der Durchfall ist stinkend–säuerlich oder faulig.

Allgemeinbefinden und Appetit sind erst im weiteren Verlauf der Krankheit gestört, durch die Flüssigkeitsverluste und evtl. mangelnde Wasseraufnahme kann es zur Exsikkose kommen.

 

) Neugeborenen–Diarrhöe, Rota– oder Corona–Virose

Der Kot ist grau–grün oder hellgelb wäßrig. Der Appetit wird im Verlauf der Krankheit schlechter, ebenso der Allgemeinzustand, vor allem durch die Austrockung. Fieber kommt selten vor.

Die Krankheit tritt im Alter von wenigen Tagen (Rotavirus) bzw. zwei bis drei Wochen (Coronavirus) auf, vermehrt im Winterhalbjahr (saisonale Kalbung mit erhöhtem Infektionsdruck) und in Beständen gehäuft.

Rota und Coronaviren können insbesondere bei frisch erkrankten Tieren im Kot nachgewiesen werden.

 

) akute enteritische Form der Bovinen Virus Diarrhöe / Mucosal Disease

Es kommt neben braunem bis grau–grünem Durchfall, evtl. mit schleimigen, fibrinösen oder blutigen Beimengungen zu deutlich erhöhter Temperatur, Schleimhauthyperämie, Nasen– und Augenausfluß und nach einiger Zeit zu Läsionen an Schleimhäuten, Präputium und Zwischenklauenspalt.

Betroffen sind meist Jungrinder im Alter von 6 bis 24 Monaten.

 

) E. coli–Infektion

Die Infektion geschieht vor allem bei durch virale Infektionen (Neugeborenen–Diarrhöe) geschwächten Tieren und zieht diese in weitere Mitleidenschaft.

Bei Mononfektionen mit pathogenen Stämmen (enterotoxische E. coli, enteropathogene E. coli) stehen eine starke Störung des Allgemeinbefindens (erhöhte Körpertemperatur, vermehrtes Liegen, erhöhte Atem– und Pulsfrequenz, Benommenheit) und übelriechender, hellgelber, suppiger Durchfall mitunter mit Blutstriemen im Vordergrund.

Insbesondere besteht die Gefahr einer Septikämie.

 


) Salmonellose

Die Salmonellose verläuft rasch und schwer und breitet sich in Beständen schnell aus.

Der Durchfall ist hell und oft blutig.

Ansonsten kommt es zu Fieber, Inappetenz und Hinfälligkeit. Je nach Verlaufsform können ZNS–Störungen oder Bronchopneumonien auftreten.

 

) Kryptosporidose

Dieser Parasit ist häufig vergesellschaftet mit Rota/Coronaviren und E. coli für Kälberdurchfall in den ersten Lebenswochen verantwortlich. Monoinfektionen sind möglich. Es kommt zur Abmagerung.

 

) Kokzidiose

Die Krankheit tritt häufig nach Umstallung in Gruppenhaltung oder drei bis sechs Wochen nach Weideaustrieb auf. Kennzeichen ist blutiger Durchfall mit schweren Allgemeinerkrankungen und Austrocknung.

 

7.) Diagnosen

 

a) Umfangsvermehrung am Nabel

Bei der Umfangsvermehrung handelt es sich um eine Omphalourachitis. Den Ausschlag für diese Diagnose gab der nach kaudodorsal ziehende verhärtete Strang und der pathognomonische Reiz zum Harnabsatz bei Palpation. Es haben sich keine palpierbaren Abszeße gebildet.

 

b) Durchfall

Das Kalb leidet an Neugeborenen–Diarrhöe, evtl. vergesellschaftet mit einer E. coli–Infektion und / oder Kryptosporidose.

Die Diagnose stützt sich im wesentlichen auf den positiven Test auf Rotaviren und das trotz Exsikkose recht gute Allgemeinbefinden, insbesondere die nicht erhöhte Körperinnentemperatur. Weitere Hinweise geben das Alter des Tieres, die Kotfarbe, und die Abwesenheit von Blutbeimengungen und eines spezifischen Geruchs.

 

8.) Prognose

prognosis quoad vitam: sowohl hinsichtlich der Omphalourachitis als auch der Diarrhöe günstig.

Bislang sind bei der Omphalourachitis keine Komplikationen, wie Blasenentzündung oder intraabdominale Abszeße aufgetreten.

Die Aussicht zu Überleben beträgt bei rechtzeitigem Therapiebeginn bei Neugeborenen–Diarrhöe ca. 80 %.

prognosis quoad usum: Bei der Mast ist mit einer verlängerten Dauer zu rechnen. Das Tier wird ein Kümmerer bleiben.

 

9.) Therapie

 

a) Omphalourachitis

Systemisch werden Antibiotika verabreicht, der Nabel mehrmals gründlich gereinigt und desinfiziert.

U.U. muß zersetztes Gewebe und Eiter nach Eröffnung des Hautnabels ausgeräumt werden. In schweren Fällen muß die Bauchhöhle operativ eröffnet und der Urachus reseziert werden. Bei dieser Gelegenheit können auch evtl. in der Bauchhöhle gelegene Abszesse drainiert werden.

In diesem Falle, d.h. ohne fühlbare Abszeße sowie erhöhte Körperinnentemperatur, ist konservatives Vorgehen ausreichend.

 

b) Neugeborenen–Diarrhöe, Diarrhöe allgemein

Die Behandlung gegen Virusinfektionen kann nur symptomatisch durchgeführt werden. Insbesondere müssen die körpereigenen (Abwehr)kräfte gestärkt werden.

Die Maßnahmen im einzelnen:

Ø      Flüssigkeits– und Elektrolytersatz: Neben dem Erhaltungsbedarf müssen auch die zusätzlichen Verluste ausgeglichen werden, zusammen 3 – 5 Liter am Tag. Dies kann bei erhaltener Trinkbereitschaft durch Diättränken, physiologische Kochsalzlösung oder Tee erfolgen. Dabei wird die normale Fütterung für ein bis vier Mahlzeiten ausgesetzt, und danach, möglichst mit Sauertränke zur Unterstützung der Erregerabtötung, wieder aufgenommen.
Trinkt das Kalb nicht mehr selber, wie dieser Patient, erfolgt die Flüssigkeitszufuhr intravenös. Der Tränke oder Infusionslösung wird Natriumbicarbonat beigesetzt, um einer Azidose entgegen zu wirken.

Ø      Energiezufuhr: Der Tränke bzw. der Infusionslösung sollte Glucose oder Laktat zur Energieversorgung beigesetzt werden. Bei Untertemperatur wird mit Rotlicht bestrahlt.

Ø      Zum Schutz vor bakterieller Sekundärinfektion bzw. gegen evtl. bereits vorhandene pathogene E. coli werden, möglichst nach Antibiogramm, Antibiotika gegeben. Bevor das Ergebnis des Antibiogramms bekannt ist, wird mit einem wahrscheinlich wirksamen Wirkstoff wie Gentamycin oder Enrofloxacin behandelt. Zur Vermeidung von Resistenzen ist auf ausreichende Dosierung und mindestens fünftägigen Einsatz zu achten.

 

10.) Prophylaxe

 

a) Omphalourachitis

Im Vordergrund der Vorbeugung von Entzündungen im Nabelbereich stehen Geburts– und Stallhygiene.

Unter Geburtshygiene ist vor allem ein separater Abkalbestall und eine Nabeldesinfektion mit Jodtinktur oder Jodoformäther zu verstehen.

Die Unterbringung des Kalbes sollte auf sauberer und trockener Einstreu in einer Einzelbox (Verhindern des gegenseitigen Beleckens) erfolgen.

Antibiotika können bei gehäuftem Auftreten prophylaktisch gegeben werden, sollten aber nicht als Kompensation mangelnder Hygiene aufgefaßt werden.

 

b) Neugeborenen–Diarrhöe

Kälber in diesem Alter sind noch nicht immunkompetent, deswegen ist ein Antikörperschutz nur durch Muttertiervakzination möglich. Dabei wird die Kuh acht und vier Wochen vor dem Kalbetermin mit einem Kombinationsimpfstoff gegen Rota, Corona, Parvo und E. coli geimpft, um die Antikörper über das Kolostrum an das Kalb weiterzugeben.

Es ist selbstverständlich, daß für eine schnelle Kolostrumgabe an das neugeborene Kalb gesorgt werden muß.

 


11.) Epikrise

Das zu untersuchende, drei Wochen alte Bullenkalb hat eine Umfangsvermehrung am Nabel und Durchfall. Diagnostiziert wurden eine komplikationslose Omphalourachitis und Neugeborenen–Diarrhöe.

Die Überlebenschancen sind gut, da die Therapien schnell und gründlich eingeleitet wurden. Allerdings wird sich die Mastdauer verlängern.

Bei beiden Krankheiten lassen sich leicht prophylaktische Maßnahmen einleiten, wenn das Problem im Bestand auftritt und, im Falle der Neugeborenen–Diarrhöe, durch Erregernachweis im Kot klar diagnostiziert ist.

>