Pferd-17 - Fohlen, Polyathritis

1. Signalement

 

Tierart:                     Pferd

Rasse:                      Warmblut

Alter:                       zwei Wochen (geb. 11.05.2000)

Geschlecht:             Stute

Körpermasse:         ca. 45 kg

Farbe, Abzeichen: braun, keine Abzeichen

 

Patientennummer: x

Tierbesitzer:          x

 

2. Grund der Vorstellung

 

Die Vorstellung in der Ambulatorischen und geburtshilflichen Tierklinik erfolgte am 24. Mai 2000 aufgrund seit einigen Tagen angeschwollenen Tarsalgelenken. Des weiteren konnte das Fohlen nicht selbständig aufstehen und zeigte einen unsicheren Stand und Gang.

 

3. Anamnese

 

Das Fohlen wurde relativ früh nach 323 Trächtigkeitstagen am 11. Mai 2000 geboren. Das Muttertier zeigte bereits drei Wochen ante partum Milchfluß. Darum muß davon ausgegangen werden, daß das Fohlen post natum kein Kolostrum aufnehmen konnte. Der Geburtsablauf war unauffällig, das Verhalten post natum ebenso. Das Fohlen befand sich p.n. in Brustlage, der Nabel wurde durch die Besitzer jodiert. Der Mekoniumabgang war o.b.B., es hatte ein physiologisches Aussehen und normale Konsistenz. Das Jungtier erschien zu klein und unreif, war aber vital. Die Entwicklung erfolgte in den ersten fünf Lebenstagen unauffällig. Danach kam es zur Anschwellung der Sprunggelenke und selbständiges Aufstehen wurde für das Tier unmöglich. Während des gesamten Krankheitsverlaufes war es fieberfrei.

Es kam bereits vor der Vorstellung zu einer Vorbehandlung durch den Hoftierarzt. Das Fohlen erhielt 40 ml Fohlenlähmemischserum, da es kein Kolostrum aufgenommen hatte und ein Aufbaupräparat wegen der offensichtlichen Defizite in der Entwicklung. Nachdem es die ersten Symptome zeigte, erhielt es über drei Tage Prednisolon und eine systemische Antibiose (Omnamycin), außerdem Vitamin- und Aufbaupräparate.

 

4. Klinische Untersuchung

4.1. Allgemeiner Teil

 

25.05.2000

Das Fohlen schwitzt und erscheint dadurch naß. Es liegt die gesamte Zeit über, steht jedoch mit Unterstützung auf. Dann läuft es unsicher zur Mutter und säugt selbständig, danach erscheint es satt und legt sich nieder. Das Sensorium des Tieres erscheint unbeeinträchtigt.

 

4.2. Neonatale Untersuchung

 

25.05.2000

Puls: 160                Atmung: 60           Temperatur: 38,9°C

Ernährungszustand:    mäßig

Allgemeinbefinden:    mittelgradig gestört

Stehvermögen:             eingeschränkt

Entwicklungszustand: unreif und hypotroph

Kopfform:                     fetal (Stirn vorgewölbt)

Mundschleimhaut:      gerötet

Nasenschleimhaut:      gerötet

Kapillarfüllungszeit:   o.b.B.

Hauttugor:                    o.b.B.

Nasenausfluß:              beidseitig mit serösem Charakter

Konjunktiven:              gerötet

Episkleralgefäße:        injiziert

Nabel:                            zu kurz gerissen, feucht, durch eine Öffnung im Nabel tropft gelegentlich seröses Sekret

Gliedmaßen:                  hinten beidseitig stark durchtrittig

Kniegelenke mittelgradig, Tarsalgelenke hochgradig geschwollen, alle vermehrt warm und vermehrt gefüllt, jedoch nicht schmerzhaft

                                       Karpalgelenke beidseitig  leicht vermehrt warm

                                       Verletzung am linken Sprunggelenk in Form einer lateral gelegenen Exkoration

Beweglichkeit im Rumpfbereich: physiologisch

Hautoberflächensensibilität:         erhalten

Tiefensensibilität:                           erhalten

 

5. Differentialdiagnosen

 

Auf eine Polyarthritis weisen die mehreren vermehrt warmen und stark gefüllten Gelenke hin.

Der feuchte Nabel mit dem Austritt seröser Flüssigkeit aus einer Öffnung gibt einen Hinweis auf eine Urachusfistel. Weiterhin kommt eine Omphalitis in Betracht. Aufgrund des reduzierten Allgemeinbefindens muß in diesem Zusammenhang auch an eine generalisierte metastasierte Nabelinfektion gedacht werden.

 

6. Diagnostischer Plan

 

Zur Abklärung der Diagnose kommt zunächst eine Blutuntersuchung mit der Erstellung eines Differentialblutbildes und der Bestimmung von Creatinkinase und des Blutzuckers in Frage.

Des weiteren könnte man nach Absprache mit dem Besitzer eine röntgenologische oder auch arthroskopische Untersuchung durchführen, um die Umfangsvermehrung an den Gelenken abzuklären.

 

7. Befunde der weiterführenden Diagnostik

 

Blutuntersuchung am 25.05.2000

WBC:     32,5   10³/mm³

RBC:       8,22   106/mm³

HGB:      11,4   g/dl

HCT:      33      %

MCV:     40      m

MCHC   64,6   g/dl

MCH:     13,9   pg

PCT:       300    10³/mm³

Lymphozyten: 3,1    %        0,9  G/l

Monozyten:     1        %       0,2  G/l

Granulozyten: 95,9  %         31,1G/l

CK:         31       U/l

Glucose:11,5    mmol/l

 

Die Blutuntersuchung zeigt eine hochgradige Granulozytose. Ebenso ist die Zahl der Thrombozyten erhöht, auch fällt eine starke Abnahme des Lymphozyten-Monozyten-Verhältnisses auf.  Des weiteren ist die Zahl der weißen Blutkörperchen stark erhöht und die Aktivität der  Creatinkinase erniedrigt. Der letztgenannte Befund kann mit der geringen Bemuskelung des Tieres erklärt werden.

 

8. Diagnosen und Prognosen

 

Die Diagnose kann nur rein symptomatisch erstellt werden, da keine weiteren Untersuchungen zur Abklärung des Krankheitsbildes vorgenommen wurden. Es handelt sich um eine Polyarthritis, was durch das weiße Blutbild bestätigt werden kann. Zudem hat das Fohlen eine Urachusfistel. Eine Nabelentzündung kann aufgrund der nicht schmerzhaften Palpation ausgeschlossen werden.

Die Prognose erscheint insgesamt gesehen schlecht. Die Prognose für das Überleben an sich stehen gut, während eine Restitutio ad functionem nicht möglich ist, eine spätere Nutzung als Reitpferd wird voraussichtlich unmöglich sein. Die Prognose für eine Restitutio ad integrum muß als infaust angesehen werden.

 

9. Therapie und Krankheitsverlauf

 

Am 25. Mai 2000 erfolgte zunächst eine Applikation von 5,0 ml Cobactan® (Cefquinomsulfat) i.m. und 1,5 ml Finadyne®  (Flunixin-Meglumin) i.m.. Zudem wurde eine weitere Blutprobe zur Bestimmung des IgG-Spiegels entnommen. Die Frequenz von Puls und Atmung waren unverändert, die Temperatur war leicht auf einen Wert von 39,1°C angestiegen. Auf weitere diagnostische Maßnahmen wurde verzichtet.

Um 13.00 Uhr des selben Tages erfolgte die Euthanasie des Tieres aufgrund der schlechten Prognose für eine mögliche spätere Nutzung nach Rücksprache mit dem Besitzer. Dazu wurden 15 ml T61® i.v. injiziert.

Der Tierkörper wurde zu einer genauen Abklärung der Diagnose im Pathologischen Institut untersucht.

 

10. Epikrise

 

Am 24. Mai 2000 erfolgte die Vorstellung des Patienten wegen bereits länger bestehender Schwellung der Tarsalgelenke, die zu Schwierigkeiten beim Aufstehen und Gehen führte. Es wurde eine Polyarthritis und eine Urachusfistel diagnostiziert. Deshalb wurde mit einer antibiotischen Behandlung begonnen, dann wurde das Tier jedoch aufgrund der infausten Prognose für eine vollständige Heilung auf Wunsch des Besitzers am nächsten Tag euthanasiert.

Während der pathologischen Untersuchung des Tierkörpers konnte die Verdachtsdiagnose einer Polyarthritis und Urachusfistel bestätigt werden. Des weiteren wurde ein Abszeß im Bereich des Gehirns sowie ein persistierender Ductus botalli gefunden.

 

 

 

x, den 02. Juni 2000

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