Pferd-15 - Griffelbeinfraktur

Krankheitsbericht

 

 

 

 

I.     Signalement

 

Tierart:                                   Pferd

Rasse:                                   Deutsches Reitpony

Geschlecht:                           Stute

Gewicht:                                ca. 400 kg

Widerristhöhe:                      146 cm

Zahnalter:                              5 Jahre

Farbe:                                    Grauschimmel

Abzeichen:                            vorne rechts Fuß halb hoch weiß

                                               hinten rechts Fuß hoch weiß

                                               Wirbel auf der Stirn und rechts an der Halsmitte

erworbene Kennzeichen:     keine

Beschlag:                              keiner

Nutzung:                                 Reitpferd

Eigentümer/in:                      x

Name des Tieres:                x

 

 

II.  Anamnese

 

Der Patient wurde am 14.04.96 um 1400 Uhr im Notdienst in Anwesenheit von Dr. x in die Klinik für Pferdekrankheiten der x aufgrund einer mittel- bis hochgradigen Stützbeinlahmheit der linken Hintergliedmaße vorgestellt.

Das Pferd wurde zunächst mit einem kalten Rivanol® - Angußverband versorgt. Zusätzlich bekam das Tier Equipalazone®, um die Schmerzen herabzusetzen.

 

III.Status praesens

1.Allgemeine Untersuchung

 

Das Pferd ist aufmerksam, ruhig und befindet sich in einem guten Pflege- und Ernährungszustand. Die Körperinnentemperatur beträgt 37,9 °C. Die Körperoberfläche des Rumpfes ist gleichmäßig warm; zu den Extremitäten hin nimmt die Temperatur leicht ab. Das linke Hinterbein ist im Bereich des Röhrbeines vermehrt warm.

 

 

 

2.Spezielle Untersuchung

 

Haut und Haarkleid: Das Haarkleid ist geschlossen, dicht, glatt anliegend und glänzend. Nur unterhalb des Sprunggelenkes der linken Hintergliedmaße fällt eine gelbliche Verfärbung auf. Die Haut ist glatt und fest, eine aufgezogene Hautfalte verstreicht zügig und vollständig.

 

Schleimhäute: Die Maul- und die Nasenschleimhaut sind blaßrosa, feucht, glatt und glänzend. Die Conjunctiven sind blaßrosa, mäßig feucht und die Kapillaren sind fein injiziert.

 

Lymphknoten: Die oberflächlichen Lymphknoten sind adspektorisch unauffällig. Bei der Palpation läßt sich die Verschieblichkeit der Lymphknoten gegen die Haut feststellen. Sie sind derb-elastisch, druckunempfindlich und symmetrisch zu einander.

 

Zirkulationsapparat: Der Herzstoß ist bei der Palpation gerade eben spürbar. Die Auskultation ergibt eine Herzfrequenz von 44 Schlägen pro Minute. Die Herztöne sind von starker Intensität, gleichmäßig, gut voneinander abgesetzt, und es sind keine Herzgeräusche wahrzunehmen. Die Pulsfrequenz entspricht der Herzfrequenz. Der Puls ist regelmäßig, gleichmäßig, stark und kräftig und die Gefäßwandspannung ist physiologisch. Die kapilläre Füllungszeit beträgt unter 2 Sekunden. Die Vena jugularis externa läßt sich im Halsbereich anstauen und verstreicht bei Lösen des Staus zügig.

 

Respirationsapparat: Bei einem costo-abdominalen Atmungstyp hat das Pferd eine Atemfrequenz von 20 Zügen pro Minute. Die Atmung ist gleichmäßig und regelmäßig. Die Auskultation der Lunge ergibt ein leichtes vesikuläres Inspirationsgeräusch.

 

Digestionsapparat: Das Pferd hat einen guten Appetit und setzt geformten Kot ab. Der Lippenschluß der Maulhöhle ist vollständig. Beim Öffnen der Maulhöhle zeigt sich ein vollständiges Gebiß. Wobei alle Zähne gewechselt sind. Das Incisivum III des Oberkiefers befindet sich jedoch noch nicht in Reibung. Die Zunge ist unverletzt und frei von Auflagerungen. Die Adspektion des Abdomens ist unauffällig. Die Palpation ergibt eine physiologische Bauchdeckenspannung. Bei der Auskultation ist die Darmmotorik auf beiden Seiten gut hörbar. Der Dünndarm hört sich gurgelnd an. Blind- und Dickdarmgeräusche erscheinen eher gurrend.

 

Harn- und Geschlechtsapparat: Die Vulva des Tieres ist geschlossen, dunkel pigmentiert und verläuft senkrecht. Die Schleimhaut des Vestibulums ist blaßrosa, feucht, glatt und glänzend. Der Harnabsatz wurde von uns nicht beobachtet.

 

Bewegungsapparat: Das Pferd belastet im Stand alle vier Gliedmaßen gleichmäßig. Bei der vergleichenden Adspektion der Hintergliedmaßen fällt links eine Umfangsvermehrung im lateralen Bereich des Röhrbeines auf. Diese reicht vom Sprunggelenk bis ca. zwei fingerbreit über das Fesselgelenk. Dieses Bein weist unterhalb des Sprunggelenkes eine gelbliche Verfärbung auf. Bei der vergleichenden Palpation der Hintergliedmaßen fällt eine vermehrte Wärme des linken Röhrbeines auf, außerdem läßt sich der Fesselträger hier nur schwer abgrenzen. Die Umfangsvermehrung fühlt sich weich und teigig an und ist nicht fluktuierend. Bei der Ausübung eines Druckes auf diese Stelle, reagiert das Pferd mit Vorziehen des Hufes, was auf eine Schmerzhaftigkeit hindeutet.

 

 

3.Weiterführende Untersuchungen:

 

Aufgrund der vorangegangenen Untersuchungsergebnisse schließen wir im folgenden weiterführende Untersuchungen an der linken Hintergliedmaße an.

 

Lahmheitsuntersuchung: Bei der Vorführung im Schritt zeigt das Pferd keine Lahmheit.

 

Aufgrund dieses Ergebnisses und der Tatsache, daß das Tier unter Schmerzmitteln steht, schließen wir noch eine röntgenologische Untersuchung an.

 

Röntgenuntersuchung: Es wurden am 16.04.1996 zwei Aufnahmen in zwei Ebenen vom linken Röhrbein gemacht. Der Strahlengang der ersten Aufnahme verläuft schräg im 45° Winkel von dorso-lateral nach planto-medial. Hier fällt eine Zusammenhangstrennung im Bereich des Os metatarsale IV auf die ca. 10 cm oberhalb des distalen Endes des Griffelbeines verläuft. Die Bruchenden liegen in einer Ebene.

Die zweite Aufnahme hat einen dorso-plantaren Strahlengang. Auch hier ist keine Dislokation der Bruchenden festzustellen.

 

 

4.Zusammenfassung der krankhaften Befunde:

 

a)   Schwellung im Bereich des Röhrbeines hinten links

b)   Schmerzhaftigkeit im Bereich der Schwellung bei Druckausübung

c)   vermehrte Wärme der linken Hintergliedmaße in diesem Bereich

d)   Zusammenhangstrennung des lateralen Griffelbeines bei der röntgenologischen Untersuchung der linken Hintergliedmaße

IV.Diagnose:

 

frische Fraktur des Os metatarsale IV der linken Hintergliedmaße (Griffelbeinfraktur)

 

V.Differentialdiagnose:

 

Sehnenscheidenentzündung: Die Sehnenscheide ist nicht vermehrt gefüllt und auch nicht schmerzhaft. Die Lokalisation der Schwellung läge in diesem Fall sonst auch medial.

Frakturen anderer Lokalisation: Röntgenologisch sind keine anderen Veränderungen der Knochen, die auf Frakturen schließen lassen, zu erkennen.

Arthrotische Veränderungen: Auch diese sind aufgrund der Ergebnisse der röntgenologischen Untersuchung auszuschließen.

 

 

VI.Ätiologie

 

Als Ursache für die Griffelbeinfraktur kommt ein stumpfes Trauma in Frage. Der Hergang, der die Fraktur zur Folge hatte, ist uns jedoch nicht bekannt und kann daher nur vermutet werden. Solche Traumata können theoretisch durch einen Fehltritt, einen Schlag von einem anderen Pferd oder durch ähnliche Einwirkungen entstehen.

Auch eine ständige Überlastung des Interosseus kann zu einer Griffelbeinfraktur führen.

 

 

VII.Pathogenese

 

Durch die Fraktur kommt es zu einer vollständigen Zusammenhangstrennung innerhalb des Griffelbeines. Unmittelbar nach der Fraktur finden sich blutige Infiltrationen in der Umgebung der Bruchstelle. In weiterer Folge setzen resorptive und proliferative Prozesse ein, die die Kallusbildung und damit die Frakturheilung einleiten. Als Komplikation der Frakturheilung kommen örtliche Knochennekrosen und sekundäre Infektionen der Frakturregion in Betracht. Ferner ist nur dann eine völlige Wiederherstellung der Knochenkontinuität zu erwarten, wenn die Bruchflächen in normale Lage zueinander gebracht werden und während des Heilungsvorganges in dieser fixiert bleiben.

 

VIII.Prognose

 

Die Prognose für eine vollständige Wiederherstellung des Pferdes ist günstig zu stellen.

IX.Therapie

 

Als Therapie schlagen wir eine drei monatige Boxenruhe vor. Außerdem soll die Fraktur mit einem Rivanol® - Angußverband versorgt werden.

 

 

X.Röntgenologische Kontrolle

 

Am 10.05.1996 wurde noch einmal eine röntgenologische Nachuntersuchung durchgeführt. Der Strahlengang verläuft schräg im 45° Winkel von dorso-lateral nach planto-medial. Die Bruchenden liegen immer noch ohne Dislokation zueinander. Der Frakturspalt ist glatt durch Kallusbildung überbaut.

 

XI.Epikrise

 

Die vorgeschlagene Therapie soll eine Heilung der Griffelbeinfraktur ermöglichen, indem die beiden Bruchenden keinen Bewegungsspielraum gegeneinander haben. Dies wird am Besten durch die Einschränkung der Bewegungsfreiheit des Pferdes ermöglicht. Als weitere Therapieform stand noch eine chirurgische Versorgung der Fraktur zur Auswahl. Da die Frakturenden jedoch nicht disloziert sind, ist eine konservative Therapie das Mittel der Wahl.

Aufgrund der Therapie ist ein weiterer Klinikaufenthalt unnötig, und einer Entlassung des Pferdes Wanda steht nichts mehr im Weg. Eine weitere röntgenologische Kontrolle des Griffelbeines sollte nach ca. 4 Wochen erfolgen.

Sollte die Therapie keinen Erfolg haben, kann man immer noch eine chirurgische Entfernung des distalen Bruchstückes durchführen.

 

>